Politikunterricht mal ganz anders

Generalmajor a. D. Schulte Berge zum dritten Mal zu Gast am Berufskolleg

„Europa ist nicht selbstverständlich“ – zu dieser Erkenntnis kamen kürzlich 230 Schülerinnen und Schüler verschiedener Bildungsgänge in der vollbesetzten Aula des Berufskollegs Geldern.

 

Zuvor hatten sie sich intensiv mit zahlreichen Fragen auf den Vortrag und die anschließende Diskussion mit dem hohen Militärpolitiker im Unterricht vorbereitet.

Bernd Schulte Berge, Generalmajor a. D., war bis April 2018 Stellvertreter des Kommandeurs und Chef des Stabes im „Zentrum Luftoperationen“ in Kalkar. Zuvor als Referatsleiter im Bundesministerium der Verteidigung im Führungsstab der Streitkräfte und der Luftwaffe tätig, arbeitete er von 2003 bis 2008 in Brüssel als Abteilungsleiter der Ständigen Deutschen Vertretung der NATO (2008–2011) bzw. als Abteilungsleiter der Ständigen Deutschen EU-Vertretung (2011–2014). Beim NATO-Engagement in Afghanistan war er sowohl als Referats- als auch als Abteilungsleiter im NATO-Hauptquartier in Brüssel eingesetzt.

Mit seinem enormen Erfahrungsschatz gab Schulte Berge einen spannenden Einblick in die deutsche, europäische und internationale Militärpolitik, erläuterte den Schülern detailreich Zusammenhänge und analysierte weltweite Auseinandersetzungen. So werden aktuell ca. 200 ethnische, religiöse, territoriale Konflikte um Einfluss und Ressourcen, davon 20 bewaffnet, ausgefochten.

Darüber hinaus ging es auch um den Einsatz der Bundeswehr, den Gründen für ihre Operationen auf dem Balkan, in Afghanistan und am Horn von Afrika.

Konkret äußerte sich der Referent zur Bildung einer  „Armee der Europäer“, die er als  kritisch beurteilte. Wem würde sie schwören? Wer würde sie einsetzen? Welche europäische Regierung, die es nicht gibt,  würde ihren Einsatz initiieren und welches Parlament würde einen militärischen Einsatz billigen? Würden deutsche Truppen dann tatsächlich auf Basis des Beschlusses des Europäischen Parlaments in den Einsatz gehen? Die Antworten darauf, so Schulte Berge, könnten durchaus „eine sehr giftige Diskussion in Europa“ selbst auslösen.

Auch zur Zukunft der NATO und EU äußerte sich der Militärpolitiker. Aus seiner Sicht seien zwei Megatrends zukünftiger Kriege durchaus erkennbar: Eine Zunahme von  Konfliktparteien mit sehr vielen jugendlichen Kämpfern und immer mehr Präzisionswaffen, auch größerer Reichweite.

Schulte Berge prophezeite schließlich den absehbaren großen Konflikt zwischen den USA und China. Als Obama an Trump die Macht übergab, sprach er in einem Übergabegespräch von „the next big thing“. Er meinte damit China. Die neue Sicherheitsstrategie der USA definiere  China ausdrücklich als „größte Gefahr“.  „Das heißt“, so Schulte Berge, „hier bahnt sich ein militärischer Konflikt an.“

Dabei habe auch Deutschland durchaus ein vitales Interesse, dass seine Schiffe die chinesische See befahren können. Denn: „Wir sind die größte Reedereination der Welt.“

Und nicht zuletzt könnte auch der Klimawandel zu weiteren Konflikten führen. Die Welt werde noch weitere Klimakonflikte erleben um umstrittene Grenzen, nicht nur um noch bewohnbare Regionen, sondern auch um umstrittene nationale Grenzen.  Ganz Afrika bestehe aus Ländern, die mit dem Lineal gezogen wurden. In Arabien sei das nicht viel anders. Auch beim Zerfall der Sowjetunion sei genau das Gleiche passiert, als Verwaltungsgrenzen über Nacht zu Staatsgrenzen wurden. „Wir sollten uns des Friedens in Europa nicht allzu sicher sein.“, so sein Fazit.

Nach seinem Vortrag beantwortete  Schulte Berge weitere Schülerfragen: So ging es um den Konflikt zwischen Syrien und der Türkei, den Umgang mit Flüchtlingen an der türkisch-griechischen Grenze sowie die Frage, ob die Bundeswehr das Entstehen eines eigenen, souveränen Staates im Nordirak unterstütze. Darüber hinaus wollten die Schüler wissen, wie die NATO  verhindern will, dass Russland die baltischen Staaten und Polen nicht angreift, wie viele deutsche Soldaten sich aktuell  in Afghanistan befänden und was ihre wichtigsten Aufgaben seien.

Abschließend würdigte Schulleiter Andreas Boland das Engagement Schulte Berges, den Schülerinnen und Schülern aus erster Hand zu vermitteln, dass Europa ein Konstrukt sei, das nicht selbstverständlich ist.